Mehr Fotos auf neuen Kanälen

Für eine Wohe übernehmen wir den Istagram-Account des Witness-Journals und posten dort einige Bilder. Das bieten uns die Möglichkeit auch andere Menschen zu erreichen. Wenn ihr mal reinschauen wollt, seis ihr herzlich eingeladen.

Fotografisch sind uns unsere Vorgänger wohl ein bisschen überlegen, schaut euch ihre Werke also unbedingt an!

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Ägypten – Rom – Sizilien

Die Gemeinschaftsküche ist aufgeräumt, eine Tüte mit Weißbrot steht auf jedem Tisch. Nassr* nimmt eine Flasche Saft aus dem Kühlschrank und schenkt uns Saft ein. Es ist schwer zu sagen wie alt er ist, Mitte 30 vielleicht. Aber schätzen kann man das kaum, bisher waren alle Flüchtlinge um einiges jünger, als wir dachten. Nassr spricht leise, aber sein Englisch ist sehr klar. Er erzählt von seinem Leben, dass er im Juni 2013 hinter sich ließ: In Ägypten hat er Ingenieurswesen studiert und bei einem weltweit führenderen Elektronikhersteller in der Entwicklungsabteilung gearbeitet. Er habe sehr gut verdient, sagt er. Doch irgendwann hätten die Probleme angefangen.

Er als Christ habe Drohungen von seinen Kollegen erhalten. Anfangs seien noch ca. 10 Prozent der Angestellten Christen gewesen, doch mit der Zeit wären von ihnen immer mehr gegangen. Schlussendlich war er der einzige. Täglich kam es zu Anfeindungen, im ganzen Land brannten Kirchen. Als in seinem Wohnviertel Kinder und ganze Familien verschwanden, habe er die Angst nicht mehr ertragen können. Mit seiner Frau und den zwei kleinen Kindern sei er unvorbereitet zum Flughafen gefahren und habe einen der ersten Flüge gebucht, die ihn nach Europa brachten.

So landeten sie in Rom, ohne Visum, ohne Kontakte, ohne eine Idee von der Zukunft. Über eine Woche hätten sie den Transitbereich des Flughafens nicht verlassen können. Das größte Problem sei gewesen, dass er von Stelle zu Stelle geschickt wurde. Entweder fühlte man sich nicht verantwortlich oder man habe sich nicht verständigen können. Irgendwann sei ihnen das Geld für das teure Essen im Flughafen ausgegangen. Erst durch die Hilfe eines Fremden sei es ihnen gelungen ihr Anliegen den Verantwortlichen nahezubringen und so die nötigen Dokumente zu erhalten. Der Helfer, ein Arabisch sprechender Italiener, habe für Nassr und seine Familie gebürgt.

Für einen Monat lebte Nassr mit seiner Familie in einem Flüchtlingsheim in Rom. Die Angst, die er in Ägypten gespürt habe, hatte er jedoch mitgenommen. Wenn er über diese Zeit in Rom spricht, wird er unruhig. Rom sei nicht seine Stadt, sagt er und lacht nervös. Da Flüchtlinge, egal wo sie ankommen, auf Lager in ganz Italien verteilt werden, kam es dazu, dass Nassr und seine Familie nach Sizilien gebracht wurden. Seit einem Jahr leben sie schon im Flüchtlingscamp auf einem Berg am Rande einer mittelgroßen Stadt. Die Unterkunft teilen sie sich mit mehreren Familien. Es gibt eine Gemeinschaftsküche und einen Speiseraum für alle. Auch die sanitären Anlagen werden zusammen genutzt.

Ihr Zimmer schließt sich an die Küche an. Zu fünft leben sie nun hier. Francesca, die Kleinste, wurde vor drei Wochen geboren. Sie sei nicht geplant gewesen, erklärt Nassr. Elena und Thomas, die beiden anderen Kinder, sind drei und vier. Sie sitzen auf gelben Kinderplastikstühlen vor einem kleinen Röhrenfernseher und gucken das italienische Kinderprogramm.

Durch das offene Fenster bauscht der Wind die Vorhänge auf wie weiße Segel eines Schiffes. Der kleine Fernseher wird von Zeit zu Zeit von den Vorhängen verdeckt, sodass die beiden ihre Köpfe ein bisschen zur Seite neigen müssen. Der Ton ist ganz leise eingestellt. Im Gitterbett zwischen Zimmertür und Elternbett schläft das kleine Mädchen. Die Mutter holt einen Wasserkocher aus dem Kleiderschrank und stellt ihn auf dem Tisch auf, um Tee zu kochen. Das Zimmer der Familie ist maximal 20 qm groß.

Nassr lebt hier trotz aller Beengtheit beruhigter. Allein, dass er die Tür des Zimmers abschließen kann, sei für ihn Grund genug, sich wohler zu fühlen. Ruhe scheint allgemein ein wichtiges Thema für ihn zu sein, denn auch diesen Aspekt schätzt er an seinem Wegzug aus Rom. Doch statt der gesuchten Ruhe hat er etwas anderes bekommen: Es ist Stille. Seine ganze Familie ist sehr still. Wenn die Kinder spielen, tun sie es leise. Wenn seine Frau den Tee kocht, macht auch das kaum Geräusche. Auch wenn sie sprechen, ist es kaum hörbar. Es ist nicht Desinteresse oder Lieblosigkeit von der diese Stille geprägt ist, es scheint eher eine Ohnmacht zu. Als könnten sie ihre Schockstarre nicht durchbrechen.

Im Grunde genommen wünscht sich Nassr, wieder nach Ägypten zurückzukehren. Aber die momentane politische Lage verbietet es ihm: Seit dem Sturz Mubaraks sei die Situation noch schlimmer geworden. Das Land sei zerfallen.

Nassr hat etwas, dass nur einem sehr kleinen Teil der Flüchtlinge auf Sizilien vergönnt ist: Er hat eine Arbeit. Offiziell nennt sich sein Beschäftigungsverhältnis EU-Praktikum. 500 Euro verdient er bei Vollbeschäftigung im Monat. Doch seine Aufgabe ist eher ein Hohn: Nassr räumt in einem Supermarkt Regale ein. Das soll ihn auf den europäischen Arbeitsmarkt vorbereiten. Den Lohn zahlt nicht sein Arbeitgeber, sondern die EU. Nassr ist ein Mensch, der sich nie beschwert. Er verliert kein negatives Wort über die Menschen, die ihn zu seiner Emigration gezwungen haben und auch keines über seinen Job. Nur unterschwellig lässt er erkennen, dass er während der Arbeit an seine körperlichen Grenzen stößt. Jetzt wo er alle Dokumente beisammen hat, versucht er eine Anstellung als Ingenieur zu finden. Eigentlich gefällt ihm Sizilien recht gut, aber auch für ihn wird es in dieser strukturschwachen Region schwer eine geeignete Arbeit zu finden. Darum würde er auch weiter in den Norden ziehen.

Ende September muss er mit seiner Familie die Flüchtlingsunterkunft verlassen. Eigentlich hätten sie schon seit Monaten Anspruch auf eine eigene Wohnung, doch die Heimleitung hatte ihnen angedroht die Zahlung zu verweigern, obwohl sie dazu verpflichtet ist. Nassr beschwert sich auch darüber nicht.

*Alle Namen in diesem Text sind verändert, um sie Identität der Menschen zu schützen.

Von Nigeria nach Sizilien

Nigeria

„I was at the doctor’s, but I couldn’t get in… I don’t have the documents yet, so he told me to pay and we couldn’t. We have to go back next week.“ Während die 26-jährige Mary* aus Nigeria dies erzählt, atmet sie schwer. Sie ist hochschwanger und erwartet ihr erstes Kind in drei Wochen. Hinter uns auf einem Tisch stehen Diabetesmedikamente, weil sie Schwangerschaftsdiabetes hat. Was, wenn sie schnell Hilfe bräuchte?

Zusammen mit ihrem Mann kam sie vor 2 Jahren nach Ragusa, wo sie heute mit ihm in einer eigenen Wohnung lebt. Sie haben eine begrenzte Aufenthaltsgenehmigung und müssen sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Ihre Ein-Zimmer-Wohnung kostet 150 Euro und liegt in der heruntergekommenen Altstadt Ragusas. Um die Miete und alles weitere zu bezahlen, geht Marys Mann jeden Tag am Supermarkt betteln. Theoretisch dürften beide arbeiten. Eine Beschäftigung zu finden erscheint für sie in einer Region, in der allein die Jugendarbeitslosigkeitsrate bei 50 Prozent liegt, allerdings unmöglich.

In Nigeria hatte Mary ihre gesamte Familie verloren. In einer anderen Familie, die sie aufgenommen hatte, fiel ihr das Leben schwer. Als sie ihren Mann kennen lernte und er die Flucht nach Europa antreten wollte, entschloss sie sich mitzugehen. Drei Jahre sollten sie unterwegs sein. Sie erzählt, dass sie immer nur Geld hatten, um von einer Grenze zur nächsten zu kommen. Dann mussten sie arbeiten, um sich neues zu verdienen. Die längste Zeit verbrachten die beiden in Libyen. Ihre Stimme ist leise, aber aufgewühlt. Sie erzählt von Tagen in der Wüste, an denen sie kein Wasser hatten und nichts zu essen. Sie ist Christin und sehr religiös.** Das Beten habe ihr geholfen, sagt sie. „We prayed. Who did not pray, died.“ Sie habe viele Tote in der Wüste gesehen.

Während sie das erzählt reicht ihre Freundin, ebenfalls aus Nigeria geflohen, ihr Smartphone herum. Sie zeigt uns ein Video, das in der libyschen Wüste aufgenommen sei. Überall im gelben Sand liegen Tote, das Bild ist unterlegt mit einer Musik, die sich für uns wie arabischer Klagegesang anhört. Während die Schwangere spricht, läuft das Video weiter und weiter, immer mehr Leichen sind zu sehen.

Zwei Jahre habe sie in Libyen verbringen müssen, um Geld für die Überfahrt zu verdienen. Diese Zeit sei besonders schwer gewesen: Schon unter al-Gaddafi sei die Situation für Flüchtlinge kompliziert, seit dem Umsturz seien sie in permanenter Lebensgefahr. Mary erzählt von allen möglichen Arbeiten, bei denen sie immer ausgebeutet wurden. Ohne die 1000 Euro für die Überfahrt hätten sie jedoch keine Wahl gehabt. Die Preise für die Plätze im Boot variierten, lernen wir von verschiedenen Menschen, die mit Flüchtlingen in Sizilien arbeiten. Bei ungefähr 1000 Euro liege der Preis für einen Platz am Rand des Bootes. Etwa 1500 Euro Eurokoste ein sichererer Platz in der Mitte. Schwimmwesten müssten für um die 300 Euro dazu gekauft werden, sie seien nicht inklusive.

Mary fährt fort, dass sie in Libyen eine Weile mit einer Frau zusammen gelebt haben, die dort schwanger wurde. Der Rückweg sei versperrt gewesen, denn „once you’re on the flight you cannot go back.“ Vor, über das Mittelmeer, habe sie auch nicht gekonnt, weil sie Angst vor der Überfahrt und noch nicht ausreichend Geld zusammen hatte. So sei der Stress für sie immer größer geworden, ihre Schwangerschaft sei vorangeschritten, sie habe eigentlich nicht mehr arbeiten können, allerdings müssen. Nachdem Mary von der Fehlgeburt der Frau erzählt, davon, dass sie daran gestorben sei, schweigt sie und streicht sich mit kreisenden Bewegungen über den Bauch.

Aus Bildern wie diesen schrecke sie jede Nacht hoch, erlebe ihre Flucht immer wieder. Jedes Mal bete sie dann, sagt sie. Dies helfe ihr, sich abzulenken. Psychologische Betreuung in irgendeiner Form steht Flüchtlingen mit Aufenthaltsgenehmigung nicht zu. So ist das Gebet für sie die einzige psychische Stütze. In der Kirche finde sie eine Gemeinschaft, obwohl sie – anders als die Mehrheit in Italien – Evangelin ist. Zusammen mit ihrer Freundin lacht sie über die Steifheit der Italiener_innen während der Messe.

Neben Mary stehen die Tüten mit Babysachen und Grundnahrungsmitteln, mit denen wir ihr wenigstens eine kurze Verschnaufpause in der Sorge um die Zukunft zu verschaffen hoffen. Ausgerechnet eine Flasche Olivenöl löst bei ihr und ihrer Freundin die größte Aufregung aus. Sie bedankt sich überschwänglich und drückt die Flasche an ihr Herz. In Nigeria sei Olivenöl sehr selten und teuer, berichtet sie, und werde zum Gebet benutzt. Sie werde es segnen, sich die Fingerspitzen damit betupfen und sich bekreuzigen, wenn die Erinnerungen an die Flucht sie überfielen. Irgendwann wird jedoch auch die 2-Liter-Vorratsflasche zur Neige gehen.

*Um die Flüchtlinge, mit denen wir sprachen, zu schützen, haben wir ihre Namen geändert.

**Während unserer Reise haben wir sehr viele sehr religiöse Menschen getroffen. Einige waren auf der Flucht vor religiöser Verfolgung, bei anderen verstärkte die Flucht selbst den Glauben an und das Vertrauen in Gott – sei dies ein christlicher oder ein muslimischer.

Spendenzwischenbericht

Neben der Berichterstattung aus Sizilien haben wir natürlich nicht vergessen, dass wir einen Transporter voller Spenden und auch noch einiges Geld auf dem Konto haben.

Am Dienstag haben wir einen Teil unserer Spenden im Lager der beiden Sozialarbeiter abgeladen, mit denen wir zusammen arbeiten. Sie betreuen Flüchtlinge in Camps und verteilen die Spenden so bedarfsgerecht. Außerdem stehen sie in Kontakt zu Familien und Einzelnen, die nicht mehr in einem Camp untergebracht sind.

Einige Spenden haben wir schon selbst verteilt. In die Villa Tedeschi, aus der wir vorgestern berichteten, haben wir Männer- und Frauenkleidung mitgenommen. Es wurde uns bewusst, wie wichtig es ist, jemanden zu haben, der sich mit dem Verteilen auskennt: Wie viele Dinge auf einmal kann man verteilen ohne einen Ansturm auszulösen? Wie ist zu gewährleisten, dass alle gleich bedacht werden? Wer hat in den letzten Wochen schon Schuhe bekommen und wer nicht? Wer hat möglicherweise Probleme, passende Spenden zu finden, weil seine oder ihre Körpermaße nicht denen der durchschnittlichen Spendenden entsprechen? So war die junge Eritreerin, mit der wir sprachen, total glücklich über kleine Frauenschuhe. In ihrer Größe waren bisher nur Gummischläppchen im Lager angekommen.

Gestern besuchten wir zwei Familien aus Ägypten und Nigeria und eine Gruppe von Flüchtlingen mit befristeter Aufenthaltserlaubnis. Den Familien – eine hat vor 10 Tagen ihr drittes Kind bekommen, die andere erwartet ihr erstes in drei Wochen – haben wir Babykleidung mitgebracht und außerdem von den Geldspenden eine Babyausstattung gekauft: Fläschchen, Windeln, Schnuller, Babyöl.

Zwar werden grundlegende Hygieneartikel (Shampoo, Duschgel, Zahnpflegeprodukte) prinzipiell von den Organisationen, die sich um die Flüchtlinge kümmern, gestellt, alles, was darüber hinaus geht, jedoch nicht. Vermeintliche „Luxusartikel“ wie Cremes gehören nicht zu dieser Ausstattung. Auf persönliche Bedürfnisse wird in diesem System in keinster Weise eingegangen. So haben wir allen Frauen, die im Lager der ägyptischen Familie leben, Bodylotion mitgebracht, die für sie ein heißbegehrtes Gut ist.

Noch problematischer ist die Situation für ein nigerianisches Paar, das wir besuchten. Die Frau ist im 9. Monat schwanger. Die beiden haben bereits eine befristete Aufenthaltsgenehmigung, weshalb sie nicht mehr in einem Lager leben dürfen, sondern sich eine eigene Wohnung finanzieren müssen. Eine staatliche Unterstützung erhalten sie in Italien nicht. Da Arbeit schwer zu finden ist, leben sie vom Betteln und müssen so das Geld für ihre Miete erwirtschaften. Wichtige Dinge wie Windeln oder ein Kinderwagen werden für sie also unerschwinglich. Neben der Babyausstattung haben wir dieser Familie sowie einer Gruppe anderer Flüchtlinge, von denen wir eine Nigerianerin trafen, auch große Beutel mit Lebensmitteln mitgebracht. Über unter anderem Reis, Nudeln und Konserven haben sie sich sehr gefreut. Auch einen der von uns mitgebrachten Kinderwagen wird sie in den nächsten Tagen erhalten.

Für uns erweist sich das Verteilen von Spenden als emotionale Herausforderung. Wir haben das Gefühl, dass wir den Menschen, denen wir etwas geben, helfen und dass es bei ihnen vollkommen an der richtigen Stelle ist. Wir sehen allerdings auch die Fülle von Menschen, die wir nicht erreichen können. Außerdem wird uns immer klarer, dass es vielen Flüchtlingen in den Lagern nicht vorrangig an Dingen mangelt, die sie am Leben halten, sondern an beinahe allem weiteren: psychologischer Betreuung, grundlegender Bildung sowie überhaupt einer Ausbildung, Beratung in bürokratischen Fragen, Übersetzungen bei Ärzten und Behörden und einer Vorbereitung auf das Leben nach einem positiven bzw. negativen Asylbescheid. All dies sehen wir, können aber mit unseren Mitteln kaum etwas anrichten. Flüchtlingen, die auf der Straße oder vom Betteln leben, können wir mit Einkäufen unter die Arme greifen und ihnen vielleicht drei Wochen lang Beruhigung verschaffen, an ihrer grundsätzlichen Situation jedoch können wir nichts ändern.

Bei uns kristallisiert sich die Erkenntnis heraus, dass es unabhängige Organisationen bräuchte, die unabhängig von privaten Lagerbetreiber_innen Unterstützung für Flüchtlinge anbieten. Vor Ort finden wir allerdings nur Einzelne und wenn überhaupt kleinere Vereine, deren Arbeit wir nicht 100%ig einschätzen können. Eine Sprecherin von Borderline Europe hat uns eindringlich davor gewarnt, hier irgendjemandem Geld in die Hand zu geben. So kaufen wir, was von den Flüchtlingen selbst gebraucht wird, tun uns aber auch damit schwer, weil wir wissen, dass wir nur Einzelnen helfen können. Wir hoffen aber, dass wir nach einem Gespräch mit einer Korrespondentin von Borderline Europe in der Region und der Verantwortlichen der Stadt Pozzallo einen besseren Einblick in die Situation hier in Italien haben.

Pozzallo

Über der Stadt brennt die Sonne. Auch Anfang September steigt das Thermometer noch ohne Mühe über die 30-Grad-Marke. Das Meer liegt ruhig vor der Küste. Diese Stille wird uns den ganzen Tag begleiten. Für die meisten Menschen um uns herum ist sie wohl erholsam, für uns erscheint sie trügerisch.

Pozzallo, eine der südlichsten Städte Siziliens, gilt seit der Schließung der Flüchtlingslager auf Lampedusa als der Ankunftsort für Menschen, die sich ein neues, vor allem sichereres Leben in Europa versprechen. Die 19.000-Einwohner-Stadt ist umgeben von Stränden, dazwischen befindet sich der Hafen. Kleine Yachten schaukeln auf den Wellen. Ein älterer Mann sitzt auf dem Kai und wirft seine Angeln aus. Ein menschenleerer Parkplatz erstreckt sich, auf ihm steht das moderne Verwaltungsgebäude des Hafens. Sowohl die Hafenmeisterei als auch die Küstenwache und die Carabinieri haben Räumlichkeiten in diesem Haus. Etwa hundert Meter trennt es vom Wasser. Drei Männer in Weiß sortieren ihr Equipment auf Booten, die wie Arbeiterameisen aussehen – lange Antennen stehen von der Brücke ab. Technisch scheint es an nichts zu fehlen. Sie gehören zur Guardia Costiera, der italienischen Küstenwache. Die Männer sprechen ausgelassen miteinander. Auf Nachfrage versichern sie, dass an diesem Tag noch kein Schiff mit Flüchtlingen in Pozzallo angekommen sei. Ein auf seinem Moped herangefahrener Carabinieri bestätigt die Aussage. Die Männer der Küstenwache erklären, dass sie es wüssten, denn immer wenn ein neues Schiff über das Mittelmeer auf Sizilien zukomme, würden sie informiert und müssten ausrücken. Das Gespräch verläuft stockend, ihr Englisch ist sehr gebrochen, doch sie sind bemüht die Situation zu erklären. Viele Faktoren würden eine Rolle dabei spielen, ob Schiffe in See stechen: das Wetter, das Meer und die Situation am Startpunkt. Schlussendlich zeigen sie sich aber erleichtert, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt am Tag nicht zu einem Einsatzort mussten. Der herangefahrene Carabinieri erklärt kurzerhand, dass die „Ankunftshalle“ weiter hinten im Hafengebiet liege. Besuchen könne man diese natürlich nicht. Auskünfte über bevorstehende Ankünfte dürfe man sowieso nicht geben. Die Männer verabschieden sich freundlich und begeben sich zurück in das hellorangene Hafenmeistereigebäude. Auch wenn an diesem Tag noch kein Boot den Hafen erreicht hat, besteht die Gewissheit, dass in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten unzählige zu retten sein werden.

Der Himmel ist klar. In einem abgesperrten Bereich des Hafengeländes liegen Boote, die meisten blau. Mit dem Bug nach oben sind sie aufgestapelt, manche einfach achtlos auf die anderen geschoben. Es sind die Überreste tausender Fluchten. Wie auf einem Friedhof dokumentieren sie einen Ausschnitt der Flüchtlingswelle der letzten Monate, wenn nicht gar nur Wochen. Einige von ihnen haben arabische Schriftzeichen als Kennung an ihren Spitzen. Bei den meisten möchte man sich kaum vorstellen, dass sie wirklich auf offenem Meer mit Menschen besetzt waren, so klein und marode sind sie.

Um die hiesige Ankunftshalle erstreckt sich ein Zaun. Im Schatten der Halle steht ein Wagen des Militärs. Auch ein Transporter des Innenministeriums parkt dort. Zwei Soldaten sitzen auf einer Bank, sie balancieren ihre Schlagstöcke auf den Fingern, vertreiben sich so die Zeit. Beamte der Polizei sind vor Ort. Neben einem kleinen Auto, das am Rande des Hofes hinter der Halle steht, sitzen zwei Männer und zwei Frauen in blauen Westen. Sie gehören zur UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Einige Stunden später fahren sie ohne direkten Einsatz vom Platz. Doch ihr Warten suggeriert, dass sie mit Ankünften rechnen. Permanent.

Das Meer liegt immer noch ganz ruhig vor der Stadt. In der Touristeninformation verweist man uns an den Bürgermeister. Die Mitarbeiterin erzählt, dass sie in puncto Flüchtlingssituation in Pozzallo nicht auf dem aktuellen Stand sei. Außerdem macht sie uns darauf aufmerksam, dass im Stadtbild von den Flüchtlingen kaum etwas zu sehen sei. Auf die Anzahl der Urlauber hätten die Migrationsströme keinen Einfluss. Sie scheint mit der Frage schon öfter konfrontiert gewesen zu sein und hat so die Sprechstunde des Bürgermeisters, täglich von 9 bis 13 Uhr, sofort parat. Von ihm versprechen wir uns detailliertere Informationen. Er hat schon mehrfach vehement auf die Situation der Flüchtlinge in Pozzallo, aber auch Sizilien allgemein hingewiesen, versucht das Problem publik zu machen und hat schon zahlreichen Journalisten ihre Fragen beantwortet. So morgen hoffentlich auch unsere.

In einem privaten Flüchtingscamp

Im Halbdunkel sitzen junge Männer auf weißen Plastikstühlen, den Kopf gesenkt, den Blick auf ihre Smartphones gerichtet. Alle halten eines in der Hand, chatten oder gucken Filme. Sie sehen müde aus, in sich gekehrt und allein, obwohl sie beieinandersitzen. Im großen Raum, einem Klostersaal mit hohen Wänden und Gewölbe, wirken sie verloren. Als wir in den Raum kommen, blicken sie hoch und lächeln. Sie kommen auf uns zu, freuen sich, stellen sich vor und fragen uns aus. Einige sind überschwänglich fröhlich – bemerkenswert, gemessen an ihrer Situation, ihrer Vergangenheit und ihren Zukunftsaussichten.
Der Ort, an dem sie sich befinden ist die Villa Tedeschi, ein altes Kloster in der Nähe von Modica. Es liegt inmitten bracher Felder, die Umgebung ist trocken und das Mittelmeer in der Ferne nur zu erahnen. Für 4000€ im Monat mietet eine private Organisation das Gebäude vom Ortspfarrer, um etwa 50 Flüchtlinge dort unterzubringen. Mittlerweile dienen die staatlichen Flüchtlingslager nur als Erstaufnahmelager, in denen die Flüchtlinge registriert und erstversorgt werden, um dann an Lager privater Betreiber_innen in ganz Italien weiterverteilt zu werden.

Diese bilden einen eigenen Wirtschaftszweig: 30€ gibt es laut Francesco, dem Sozialarbeiter mit dem wir zusammenarbeiten, pro Tag für einen Flüchtling, von diesem Geld sind alle Unkosten zu begleichen. Je weniger die Betreiber_innen also für die Flüchtlinge ausgeben, desto mehr fließt in ihre eigene Tasche. So gebe es riesige Matratzenlager, die außer einfachstem Essen und einer spartanischen Unterkunft nichts böten. Keine Sprachkurse und keine psychologische Betreuung. Zwar müssen sich alle privaten Betreiber_innen um Lizenzen für die Unterhaltung eines Camps bewerben, ob die tatsächlichen Umstände in den Lagern jedoch tatsächlich nachgeprüft werden ist fraglich. In jedem Fall gehen die Selbstbestimmungsmöglichkeiten der Flüchtlingen gegen Null: Sie werden den Lagern zugeteilt; dort wird alles für sie entschieden, höchstens ein Taschengeld bekommen sie ausgezahlt.

Von dem von uns besuchten Flüchtlingslager sind es bis in den Ort etwa 40 Gehminuten entlang der Landstraße. Sie gehe die Strecke jedoch nicht, sagt eine der Flüchtlinge, die Strecke sei zu weit für sie. Das Mädchen ist zart gebaut, isst nur Salat, wie sie uns sagt. Ihr T-Shirt hat ein Logo der Welt-Hunger-Hilfe auf der Brust. Außerdem hat sie keine festen Schuhe, nur Badeschlappen. Die Kleiderspenden, die die Organisation bekommt, waren bisher viel zu groß für die 21-Jährige aus Eritrea. Ihren Namen hat sie geändert, als sie ihre Heimat verließ. Ihr neuer Name bedeutet in ihrer Sprache „Straßenhund“. Und auch wenn sie uns gegenüber sehr fröhlich wirkt, uns über Deutschland ausfragt und Witze mit uns macht, ist sie in sich gekehrt. Sie habe zu viel Zeit um nachzudenken, sagt sie. Über ihre Familie, über sich. „Eat, sleep. And tomorrow: Eat, sleep“, so beschreibt sie ihren Tagesablauf.

Viel anderes bleibt den Flüchtlingen nicht zu tun. Sie haben Internet, jede_r ein Smartphone und WiFi, und stehen in Kontakt mit ihren Familien und Freunden. Das Mädchen aus Eritrea erzählt von guten Freunden aus ihrem Lager, die es bis nach Deutschland geschafft haben. Erst in den letzten Wochen sind etwa zwei Dutzend Flüchtlinge aus dem Lager verschwunden, wohin weiß niemand so genau. So sind sie zwar untereinander und mit ihren Familien vernetzt, in ihrem direkten Umfeld in Italien allerdings fehlt ihnen der Kontakt. Einerseits sind ihre Unterkünfte außerhalb und sie somit aus dem Stadtbild verdrängt. Andererseits sind sie sprachlich isoliert: Zwar sprechen viele von ihnen gutes Englisch, die meisten Menschen in Sizilien allerdings kaum. Betreuer_innen des von uns besuchten Lagers nicht ausgeschlossen.

Die Verantwortliche, die wie dort trafen beispielsweise ist zwar ausgebildete Psychologin, auch sie ist jedoch schon aufgrund der Sprachbarriere keine tatsächliche Ansprechpartnerin für die Flüchtlinge. Ihre wenigen Englischkenntnisse reichen bei Weitem nicht aus, um sich mit den Flüchtlingen angemessen zu unterhalten. Allein die physische Verfassung vieler derjenigen, die wir trafen, erzählt traurige Geschichten: Einem jungen Mann aus Mali fehlen Zehennägel und sein Körper ist mit Narben übersäht. Einem anderen, aus Nigeria, der uns die ganze Zeit, die wir im Lager verbringen, anstrahlt, ist eine Narbe quer über die Wange gezogen. Die junge Eritreerin ist nach einer Stunde so erschöpft, dass sie sich hinlegen muss. Ihre Freundin ist so krank, dass sie aus dem Bett überhaupt nicht aufgestanden ist und uns dort nur kurz nett begrüßt.

So scheint das Warten auf ihre Papiere die jungen Menschen zu lähmen. „It makes lazy“, sagt die 21-Jährige. Eigentlich wolle sie nur arbeiten, wiederholt sie immer wieder. Im Lager gebe es jedoch nichts zu tun. So scheinen diese jungen Menschen zur Lethargie verurteilt. Nach Monaten der stetigen Anspannung und permanentem Unterwegssein kristallisiert sich ein neues Problem heraus: Ein Übermaß an Zeit zum Nachdenken über das Vergangene, vielleicht das ständige Nacherleben der Fluchterfahrungen. Auch wenn alle Flüchtlinge im Lager zwischen 18 und 25 Jahre alt sind, sehen sie 10 Jahre älter aus. Ihre Gesichter sind erschöpft und wir fragen uns, ob sie mit diesem Warten gerechnet haben. Ob sie darauf vorbereitet wurden. Und welche Hoffnungen sie in die Zukunft haben.

 

Der doch etwas weitere Weg nach Sizilien

Nach 3000 km durch ganz Europa haben wir endlich ein bisschen Ruhe, die letzten Tage Revue passieren zu lassen. Freitag Mittag ging es in Bremen los und Hanne und Phil brachen mit dem halbleeren Transporter in Bremen Richtung Jena auf.

Dort wartete bereits eine Riege Helfer: Thomas, Harry, Daniel, Flo, Bianca und Anne trugen mit uns die zahlreichen Kartons, die wir in den letzten Wochen angesammelt haben. Vielen Dank! Ohne euch hätten wir sonst wohl die ganze Nacht gestapelt. So konnten wir nach 2 Stunden zufrieden in unseren randvollen Transporter schauen. Jede Ecke wurde mit gespendeten Decken und Schlafsäcken aufgefüllt, sodass nur noch Raum für die Sachen blieb, die wir für die beiden italienischen Sozialarbeiter_innen, Tina und Francesco, mit nach Sizilien nehmen wollten.

Angesichts dieser Fülle an Spenden standen wir am nächsten Morgen mit schweißnassen Händen auf dem Gelände des Kommunalservice Jena, um unseren Transporter zu wiegen: 3104kg Gesamtgewicht, also über eine Tonne Spenden!

Nun hieß es nur noch, sich in Jena von Anne zu verabschieden, da wir leider nur drei Sitzplätze im Transporter haben.
Unser erstes Etappenziel sollte Augsburg sein. Dort trafen wir schon einmal Francesco und Tina, um auch den letzten Raum im Transporter zu füllen. Die beiden waren beeindruckt von der Anzahl unserer Kartons und erzählten bereits ein bisschen von ihrer Arbeit mit den Flüchtlingen. Außerdem verabredeten wir uns für heute Nachmittag in Ragusa, um unsere Ladung in einem Lager abzuladen. Wir sind nun umso gespannt. Von Augsburg aus ging es dann Richtung Süden. Samstag schafften wir es noch durch Österreich bis hinter die italienische Grenze. Nach der recht unkomplizierten Suche nach einer Unterkunft für die Nacht, sammelten wir genug Energie um die Weiterreise anzutreten.

Den LKW-freien Sonntag nutzten wir, um möglichst viel Strecke zu machen. An Rom und Neapel vorbei fuhren wir durch ganz Italien. Erste Überraschung: Die Dieselpreise waren höher als erwartet. Wieder einmal waren wir dankbar für die vielen Geldspenden, die in den letzten Wochen auf unserem Konto eingingen. (Der erste Schock war aber nur zum Teil begründet – auf der Landstraße rutscht der Preis rapide, sodass wir nur an bestimmten Tankstellen angehalten haben zum Tanken.)

Montag Morgen nahmen wir die Fähre nach Sizilien, wo gleich die zweite Überraschung auf uns wartete: Sizilien ist wesentlich größer und bergiger als erwartet. Unerschrocken fuhr Philipp unseren Transporter, der einfach zu groß für kleine italienische Altstädte ist, bis an den untersten Zipfel der Insel, wo wir in Modica ein kleines Appartment bezogen.
Und genau dort sitzen wir nun in einem Café mit Internet (etwas scheint mit der Leitung nicht zu stimmen, sodass wir in unserer Unterkunft wohl erste heute Nachmittag Internet bekommen), schreiben, laden Fotos hoch und planen unsere nächsten Tage. Heute Abend sind wir mit Tina und Francesco verabredet. Damit geht es also endlich richtig los!