Gambia – Libyen – Sizilien

Eine lässige Sonnenbrille trägt Foday auf dem Kopf. Er hat sie sich selbst gekauft. Das Geld hat ihm ein italienischer Journalist gegeben, der seit einiger Zeit mit den Jungen im Erstaufnahme-Camp für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge lebt und ihre Situation dokumentiert. Für andere Journalisten ist es ohne Schreiben der zuständigen Beamtin nicht gestattet, mit den Jugendlichen auf der schmalen Terrasse vor dem Haus an der Kirche zu sprechen. Auf der anderen Straßenseite sei das aber kein Problem, erklärt eine der Betreuerinnen.

Auf der kleinen Piazza vor der Kirche sitzen die Jugendlichen, einige auf Bänken, andere auf Plastikstühlen. Sie haben ein abgewetztes Kartenspiel und einen Minikicker, mit dem sie allabendlich die Zeit totschlagen.

Foday ist klein. Sein Muskelwachstum ist eingeschränkt, warum wissen wir nicht. Sein Rücken krümmt sich unnatürlich. Die Arme sind dünn wie die eines Grundschulkindes.

Er lacht sehr viel. Die anderen ziehen ihn auf, er sei derjenige, der am besten mit den italienischen Mädels klar käme. Foday ist erst 15. Die Reise von Gambia nach Libyen habe er „tikki-tikki“ gemacht, wie alle Jungen hier. „Tikki-tikki“ erklärt er mit einer Handbewegung: Wie eine Schlange lässt er sie langsam in Zick-Zack-Bewegungen vorankommen. Was er meint, ist, dass sie von einem Schlepper zum nächsten gebracht wurden. Nie auf direktem Weg. Nie wussten, wo sie gerade waren und was als nächstes passieren würde. Meistens rasten Jungen, die noch jünger waren als diese hier, mit ihnen in Autos über die Schotterpisten.

Neben ihm sitzt ein gut gebauter Jugendlicher. Hassan ist 17. Er spricht viel: von seinen Träumen. Von den Dingen, die er erleben möchte. Von den Zuständen in ihrer Unterkunft. Vor allem das Essen bereite ihnen allen Probleme. Auf die Frage nach gambischem Essen beginnt er einige Gerichte zu beschreiben. Schnell steigen die um ihn stehenden Jugendlichen ein und schwelgen in Erinnerungen. Im Grunde essen sie Reis und Suppen, alle zusammen aus einer Schüssel. Mit den Fingern formen sie kleine Kugeln aus nichtvorhandenem Reis und tunken diese in eine imaginierte Schüssel. Hier bekommen sie ihr Essen auf Styropor-Assietten, eingeschweißt. Woher es kommt wissen sie nicht.

Sie haben einen großen Raum, in dem sie schlafen. Je nachdem wie viele Jugendliche in Pozzallo ankommen, variiert die Zahl. Momentan sind es um die 20, die sich den Raum teilen. Die Nachbarn haben sich langsam an sie herangetastet. An diesem Abend schlendern immer wieder welche vorüber, grüßen die Jungen und gehen dann in ihre Wohnungen. Ein älterer Herr setzt sich eine Weile und spielt mit einem der Jugendlichen etwas abseits eine Partie Schach.

Der Rassismus komme von jenen, die sie nicht kennen und die auch keine Lust haben sich mit ihnen zu beschäftigen. Jeder von ihnen hat seinen Wortschatz an Beleidigungen auf Italienisch durch diese Anfeindung erlernt.

Mit einigen Jungen aus dem Ort gehen sie manchmal am Strand Fußball spielen, das sei aber die Ausnahme. Was sie am meisten tuen ist eins: Warten.

Sie schwelgen in ihren Träumen. Nach Schweden, nach Großbritannien oder Deutschland wollen sie.

Hassan möchte Fußballer werden, in einer richtigen Liga spielen, nicht hier am Strand. Er träumt von einem Leben wie viele in seinem Alter. Eine Freundin wünscht er sich. Ein selbstbestimmtes Leben. Er ist hoffnungsvoll, sehr gelöst. Doch zwischendurch erzählt er von seiner Zeit in Libyen. Von der Gewalt und davon, dass es besser sei mit einer Pistole ausgeraubt zu werden als von einem mit einem Messer. Zu schießen würden die meisten im Zweifel doch nicht wagen, beim Zustechen sei man da weniger zimperlich. Viele von ihnen tragen Narben am Körper, wo diese herkommen, lässt sich nach ihren Geschichten nicht schwer erahnen. Er schummelt beim Kartenspiel, versteckt die Karten im Hemdkragen, zappelt auf seinem Stuhl.

Foday sitzt neben ihm. Die dünnen Finger hat er verschränkt. Auf die Frage, was er einmal werden möchte, wenn er sich jeden Beruf der Welt aussuchen dürfte, egal was man dazu können muss, antwortet er: „Ich möchte im Supermarkt arbeiten. Dort kann man verschiedene Menschen treffen.“

Es geht weiter!

Nachdem es hier einige Zeit etwas ruhiger zuging, starten wir in eine neue Runde! Heute erscheint das aktuelle Akrützel – die Jenaer Hochschulzeitung – für das wir einen Artikel über unsere Erfahrungen geschrieben haben. Außerdem haben wir zwei weitere Geschichten in Worte gefasst, die wir in den kommenden Tagen mit euch teilen wollen.

In den nächsten Stunden sollte das Heft auch online gehen, sodass alle, die nicht in Jena auf den Artikel zugreifen können.

Ende November haben wir ein Treffen der Kerngruppe geplant, das wir dazu nutzen wollen, um zu beraten wie es weitergehen soll – eines ist aber vollkommen klar: Es wird weiter gehen!

Unsere Kontakte auf Sizilien bestehen und wir sind guter Hoffnung, dass ein Projekt, dass gerade anläuft, eine Basis bieten könnte, für uns auch in Zukunft Anknüpfungspunkt zu sein.

Mehr Fotos auf neuen Kanälen

Für eine Wohe übernehmen wir den Istagram-Account des Witness-Journals und posten dort einige Bilder. Das bieten uns die Möglichkeit auch andere Menschen zu erreichen. Wenn ihr mal reinschauen wollt, seis ihr herzlich eingeladen.

Fotografisch sind uns unsere Vorgänger wohl ein bisschen überlegen, schaut euch ihre Werke also unbedingt an!

http://instagram.com/witnessjournal

Ägypten – Rom – Sizilien

Die Gemeinschaftsküche ist aufgeräumt, eine Tüte mit Weißbrot steht auf jedem Tisch. Nassr* nimmt eine Flasche Saft aus dem Kühlschrank und schenkt uns Saft ein. Es ist schwer zu sagen wie alt er ist, Mitte 30 vielleicht. Aber schätzen kann man das kaum, bisher waren alle Flüchtlinge um einiges jünger, als wir dachten. Nassr spricht leise, aber sein Englisch ist sehr klar. Er erzählt von seinem Leben, dass er im Juni 2013 hinter sich ließ: In Ägypten hat er Ingenieurswesen studiert und bei einem weltweit führenderen Elektronikhersteller in der Entwicklungsabteilung gearbeitet. Er habe sehr gut verdient, sagt er. Doch irgendwann hätten die Probleme angefangen.

Er als Christ habe Drohungen von seinen Kollegen erhalten. Anfangs seien noch ca. 10 Prozent der Angestellten Christen gewesen, doch mit der Zeit wären von ihnen immer mehr gegangen. Schlussendlich war er der einzige. Täglich kam es zu Anfeindungen, im ganzen Land brannten Kirchen. Als in seinem Wohnviertel Kinder und ganze Familien verschwanden, habe er die Angst nicht mehr ertragen können. Mit seiner Frau und den zwei kleinen Kindern sei er unvorbereitet zum Flughafen gefahren und habe einen der ersten Flüge gebucht, die ihn nach Europa brachten.

So landeten sie in Rom, ohne Visum, ohne Kontakte, ohne eine Idee von der Zukunft. Über eine Woche hätten sie den Transitbereich des Flughafens nicht verlassen können. Das größte Problem sei gewesen, dass er von Stelle zu Stelle geschickt wurde. Entweder fühlte man sich nicht verantwortlich oder man habe sich nicht verständigen können. Irgendwann sei ihnen das Geld für das teure Essen im Flughafen ausgegangen. Erst durch die Hilfe eines Fremden sei es ihnen gelungen ihr Anliegen den Verantwortlichen nahezubringen und so die nötigen Dokumente zu erhalten. Der Helfer, ein Arabisch sprechender Italiener, habe für Nassr und seine Familie gebürgt.

Für einen Monat lebte Nassr mit seiner Familie in einem Flüchtlingsheim in Rom. Die Angst, die er in Ägypten gespürt habe, hatte er jedoch mitgenommen. Wenn er über diese Zeit in Rom spricht, wird er unruhig. Rom sei nicht seine Stadt, sagt er und lacht nervös. Da Flüchtlinge, egal wo sie ankommen, auf Lager in ganz Italien verteilt werden, kam es dazu, dass Nassr und seine Familie nach Sizilien gebracht wurden. Seit einem Jahr leben sie schon im Flüchtlingscamp auf einem Berg am Rande einer mittelgroßen Stadt. Die Unterkunft teilen sie sich mit mehreren Familien. Es gibt eine Gemeinschaftsküche und einen Speiseraum für alle. Auch die sanitären Anlagen werden zusammen genutzt.

Ihr Zimmer schließt sich an die Küche an. Zu fünft leben sie nun hier. Francesca, die Kleinste, wurde vor drei Wochen geboren. Sie sei nicht geplant gewesen, erklärt Nassr. Elena und Thomas, die beiden anderen Kinder, sind drei und vier. Sie sitzen auf gelben Kinderplastikstühlen vor einem kleinen Röhrenfernseher und gucken das italienische Kinderprogramm.

Durch das offene Fenster bauscht der Wind die Vorhänge auf wie weiße Segel eines Schiffes. Der kleine Fernseher wird von Zeit zu Zeit von den Vorhängen verdeckt, sodass die beiden ihre Köpfe ein bisschen zur Seite neigen müssen. Der Ton ist ganz leise eingestellt. Im Gitterbett zwischen Zimmertür und Elternbett schläft das kleine Mädchen. Die Mutter holt einen Wasserkocher aus dem Kleiderschrank und stellt ihn auf dem Tisch auf, um Tee zu kochen. Das Zimmer der Familie ist maximal 20 qm groß.

Nassr lebt hier trotz aller Beengtheit beruhigter. Allein, dass er die Tür des Zimmers abschließen kann, sei für ihn Grund genug, sich wohler zu fühlen. Ruhe scheint allgemein ein wichtiges Thema für ihn zu sein, denn auch diesen Aspekt schätzt er an seinem Wegzug aus Rom. Doch statt der gesuchten Ruhe hat er etwas anderes bekommen: Es ist Stille. Seine ganze Familie ist sehr still. Wenn die Kinder spielen, tun sie es leise. Wenn seine Frau den Tee kocht, macht auch das kaum Geräusche. Auch wenn sie sprechen, ist es kaum hörbar. Es ist nicht Desinteresse oder Lieblosigkeit von der diese Stille geprägt ist, es scheint eher eine Ohnmacht zu. Als könnten sie ihre Schockstarre nicht durchbrechen.

Im Grunde genommen wünscht sich Nassr, wieder nach Ägypten zurückzukehren. Aber die momentane politische Lage verbietet es ihm: Seit dem Sturz Mubaraks sei die Situation noch schlimmer geworden. Das Land sei zerfallen.

Nassr hat etwas, dass nur einem sehr kleinen Teil der Flüchtlinge auf Sizilien vergönnt ist: Er hat eine Arbeit. Offiziell nennt sich sein Beschäftigungsverhältnis EU-Praktikum. 500 Euro verdient er bei Vollbeschäftigung im Monat. Doch seine Aufgabe ist eher ein Hohn: Nassr räumt in einem Supermarkt Regale ein. Das soll ihn auf den europäischen Arbeitsmarkt vorbereiten. Den Lohn zahlt nicht sein Arbeitgeber, sondern die EU. Nassr ist ein Mensch, der sich nie beschwert. Er verliert kein negatives Wort über die Menschen, die ihn zu seiner Emigration gezwungen haben und auch keines über seinen Job. Nur unterschwellig lässt er erkennen, dass er während der Arbeit an seine körperlichen Grenzen stößt. Jetzt wo er alle Dokumente beisammen hat, versucht er eine Anstellung als Ingenieur zu finden. Eigentlich gefällt ihm Sizilien recht gut, aber auch für ihn wird es in dieser strukturschwachen Region schwer eine geeignete Arbeit zu finden. Darum würde er auch weiter in den Norden ziehen.

Ende September muss er mit seiner Familie die Flüchtlingsunterkunft verlassen. Eigentlich hätten sie schon seit Monaten Anspruch auf eine eigene Wohnung, doch die Heimleitung hatte ihnen angedroht die Zahlung zu verweigern, obwohl sie dazu verpflichtet ist. Nassr beschwert sich auch darüber nicht.

*Alle Namen in diesem Text sind verändert, um sie Identität der Menschen zu schützen.

Von Nigeria nach Sizilien

Nigeria

„I was at the doctor’s, but I couldn’t get in… I don’t have the documents yet, so he told me to pay and we couldn’t. We have to go back next week.“ Während die 26-jährige Mary* aus Nigeria dies erzählt, atmet sie schwer. Sie ist hochschwanger und erwartet ihr erstes Kind in drei Wochen. Hinter uns auf einem Tisch stehen Diabetesmedikamente, weil sie Schwangerschaftsdiabetes hat. Was, wenn sie schnell Hilfe bräuchte?

Zusammen mit ihrem Mann kam sie vor 2 Jahren nach Ragusa, wo sie heute mit ihm in einer eigenen Wohnung lebt. Sie haben eine begrenzte Aufenthaltsgenehmigung und müssen sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Ihre Ein-Zimmer-Wohnung kostet 150 Euro und liegt in der heruntergekommenen Altstadt Ragusas. Um die Miete und alles weitere zu bezahlen, geht Marys Mann jeden Tag am Supermarkt betteln. Theoretisch dürften beide arbeiten. Eine Beschäftigung zu finden erscheint für sie in einer Region, in der allein die Jugendarbeitslosigkeitsrate bei 50 Prozent liegt, allerdings unmöglich.

In Nigeria hatte Mary ihre gesamte Familie verloren. In einer anderen Familie, die sie aufgenommen hatte, fiel ihr das Leben schwer. Als sie ihren Mann kennen lernte und er die Flucht nach Europa antreten wollte, entschloss sie sich mitzugehen. Drei Jahre sollten sie unterwegs sein. Sie erzählt, dass sie immer nur Geld hatten, um von einer Grenze zur nächsten zu kommen. Dann mussten sie arbeiten, um sich neues zu verdienen. Die längste Zeit verbrachten die beiden in Libyen. Ihre Stimme ist leise, aber aufgewühlt. Sie erzählt von Tagen in der Wüste, an denen sie kein Wasser hatten und nichts zu essen. Sie ist Christin und sehr religiös.** Das Beten habe ihr geholfen, sagt sie. „We prayed. Who did not pray, died.“ Sie habe viele Tote in der Wüste gesehen.

Während sie das erzählt reicht ihre Freundin, ebenfalls aus Nigeria geflohen, ihr Smartphone herum. Sie zeigt uns ein Video, das in der libyschen Wüste aufgenommen sei. Überall im gelben Sand liegen Tote, das Bild ist unterlegt mit einer Musik, die sich für uns wie arabischer Klagegesang anhört. Während die Schwangere spricht, läuft das Video weiter und weiter, immer mehr Leichen sind zu sehen.

Zwei Jahre habe sie in Libyen verbringen müssen, um Geld für die Überfahrt zu verdienen. Diese Zeit sei besonders schwer gewesen: Schon unter al-Gaddafi sei die Situation für Flüchtlinge kompliziert, seit dem Umsturz seien sie in permanenter Lebensgefahr. Mary erzählt von allen möglichen Arbeiten, bei denen sie immer ausgebeutet wurden. Ohne die 1000 Euro für die Überfahrt hätten sie jedoch keine Wahl gehabt. Die Preise für die Plätze im Boot variierten, lernen wir von verschiedenen Menschen, die mit Flüchtlingen in Sizilien arbeiten. Bei ungefähr 1000 Euro liege der Preis für einen Platz am Rand des Bootes. Etwa 1500 Euro Eurokoste ein sichererer Platz in der Mitte. Schwimmwesten müssten für um die 300 Euro dazu gekauft werden, sie seien nicht inklusive.

Mary fährt fort, dass sie in Libyen eine Weile mit einer Frau zusammen gelebt haben, die dort schwanger wurde. Der Rückweg sei versperrt gewesen, denn „once you’re on the flight you cannot go back.“ Vor, über das Mittelmeer, habe sie auch nicht gekonnt, weil sie Angst vor der Überfahrt und noch nicht ausreichend Geld zusammen hatte. So sei der Stress für sie immer größer geworden, ihre Schwangerschaft sei vorangeschritten, sie habe eigentlich nicht mehr arbeiten können, allerdings müssen. Nachdem Mary von der Fehlgeburt der Frau erzählt, davon, dass sie daran gestorben sei, schweigt sie und streicht sich mit kreisenden Bewegungen über den Bauch.

Aus Bildern wie diesen schrecke sie jede Nacht hoch, erlebe ihre Flucht immer wieder. Jedes Mal bete sie dann, sagt sie. Dies helfe ihr, sich abzulenken. Psychologische Betreuung in irgendeiner Form steht Flüchtlingen mit Aufenthaltsgenehmigung nicht zu. So ist das Gebet für sie die einzige psychische Stütze. In der Kirche finde sie eine Gemeinschaft, obwohl sie – anders als die Mehrheit in Italien – Evangelin ist. Zusammen mit ihrer Freundin lacht sie über die Steifheit der Italiener_innen während der Messe.

Neben Mary stehen die Tüten mit Babysachen und Grundnahrungsmitteln, mit denen wir ihr wenigstens eine kurze Verschnaufpause in der Sorge um die Zukunft zu verschaffen hoffen. Ausgerechnet eine Flasche Olivenöl löst bei ihr und ihrer Freundin die größte Aufregung aus. Sie bedankt sich überschwänglich und drückt die Flasche an ihr Herz. In Nigeria sei Olivenöl sehr selten und teuer, berichtet sie, und werde zum Gebet benutzt. Sie werde es segnen, sich die Fingerspitzen damit betupfen und sich bekreuzigen, wenn die Erinnerungen an die Flucht sie überfielen. Irgendwann wird jedoch auch die 2-Liter-Vorratsflasche zur Neige gehen.

*Um die Flüchtlinge, mit denen wir sprachen, zu schützen, haben wir ihre Namen geändert.

**Während unserer Reise haben wir sehr viele sehr religiöse Menschen getroffen. Einige waren auf der Flucht vor religiöser Verfolgung, bei anderen verstärkte die Flucht selbst den Glauben an und das Vertrauen in Gott – sei dies ein christlicher oder ein muslimischer.

Spendenzwischenbericht

Neben der Berichterstattung aus Sizilien haben wir natürlich nicht vergessen, dass wir einen Transporter voller Spenden und auch noch einiges Geld auf dem Konto haben.

Am Dienstag haben wir einen Teil unserer Spenden im Lager der beiden Sozialarbeiter abgeladen, mit denen wir zusammen arbeiten. Sie betreuen Flüchtlinge in Camps und verteilen die Spenden so bedarfsgerecht. Außerdem stehen sie in Kontakt zu Familien und Einzelnen, die nicht mehr in einem Camp untergebracht sind.

Einige Spenden haben wir schon selbst verteilt. In die Villa Tedeschi, aus der wir vorgestern berichteten, haben wir Männer- und Frauenkleidung mitgenommen. Es wurde uns bewusst, wie wichtig es ist, jemanden zu haben, der sich mit dem Verteilen auskennt: Wie viele Dinge auf einmal kann man verteilen ohne einen Ansturm auszulösen? Wie ist zu gewährleisten, dass alle gleich bedacht werden? Wer hat in den letzten Wochen schon Schuhe bekommen und wer nicht? Wer hat möglicherweise Probleme, passende Spenden zu finden, weil seine oder ihre Körpermaße nicht denen der durchschnittlichen Spendenden entsprechen? So war die junge Eritreerin, mit der wir sprachen, total glücklich über kleine Frauenschuhe. In ihrer Größe waren bisher nur Gummischläppchen im Lager angekommen.

Gestern besuchten wir zwei Familien aus Ägypten und Nigeria und eine Gruppe von Flüchtlingen mit befristeter Aufenthaltserlaubnis. Den Familien – eine hat vor 10 Tagen ihr drittes Kind bekommen, die andere erwartet ihr erstes in drei Wochen – haben wir Babykleidung mitgebracht und außerdem von den Geldspenden eine Babyausstattung gekauft: Fläschchen, Windeln, Schnuller, Babyöl.

Zwar werden grundlegende Hygieneartikel (Shampoo, Duschgel, Zahnpflegeprodukte) prinzipiell von den Organisationen, die sich um die Flüchtlinge kümmern, gestellt, alles, was darüber hinaus geht, jedoch nicht. Vermeintliche „Luxusartikel“ wie Cremes gehören nicht zu dieser Ausstattung. Auf persönliche Bedürfnisse wird in diesem System in keinster Weise eingegangen. So haben wir allen Frauen, die im Lager der ägyptischen Familie leben, Bodylotion mitgebracht, die für sie ein heißbegehrtes Gut ist.

Noch problematischer ist die Situation für ein nigerianisches Paar, das wir besuchten. Die Frau ist im 9. Monat schwanger. Die beiden haben bereits eine befristete Aufenthaltsgenehmigung, weshalb sie nicht mehr in einem Lager leben dürfen, sondern sich eine eigene Wohnung finanzieren müssen. Eine staatliche Unterstützung erhalten sie in Italien nicht. Da Arbeit schwer zu finden ist, leben sie vom Betteln und müssen so das Geld für ihre Miete erwirtschaften. Wichtige Dinge wie Windeln oder ein Kinderwagen werden für sie also unerschwinglich. Neben der Babyausstattung haben wir dieser Familie sowie einer Gruppe anderer Flüchtlinge, von denen wir eine Nigerianerin trafen, auch große Beutel mit Lebensmitteln mitgebracht. Über unter anderem Reis, Nudeln und Konserven haben sie sich sehr gefreut. Auch einen der von uns mitgebrachten Kinderwagen wird sie in den nächsten Tagen erhalten.

Für uns erweist sich das Verteilen von Spenden als emotionale Herausforderung. Wir haben das Gefühl, dass wir den Menschen, denen wir etwas geben, helfen und dass es bei ihnen vollkommen an der richtigen Stelle ist. Wir sehen allerdings auch die Fülle von Menschen, die wir nicht erreichen können. Außerdem wird uns immer klarer, dass es vielen Flüchtlingen in den Lagern nicht vorrangig an Dingen mangelt, die sie am Leben halten, sondern an beinahe allem weiteren: psychologischer Betreuung, grundlegender Bildung sowie überhaupt einer Ausbildung, Beratung in bürokratischen Fragen, Übersetzungen bei Ärzten und Behörden und einer Vorbereitung auf das Leben nach einem positiven bzw. negativen Asylbescheid. All dies sehen wir, können aber mit unseren Mitteln kaum etwas anrichten. Flüchtlingen, die auf der Straße oder vom Betteln leben, können wir mit Einkäufen unter die Arme greifen und ihnen vielleicht drei Wochen lang Beruhigung verschaffen, an ihrer grundsätzlichen Situation jedoch können wir nichts ändern.

Bei uns kristallisiert sich die Erkenntnis heraus, dass es unabhängige Organisationen bräuchte, die unabhängig von privaten Lagerbetreiber_innen Unterstützung für Flüchtlinge anbieten. Vor Ort finden wir allerdings nur Einzelne und wenn überhaupt kleinere Vereine, deren Arbeit wir nicht 100%ig einschätzen können. Eine Sprecherin von Borderline Europe hat uns eindringlich davor gewarnt, hier irgendjemandem Geld in die Hand zu geben. So kaufen wir, was von den Flüchtlingen selbst gebraucht wird, tun uns aber auch damit schwer, weil wir wissen, dass wir nur Einzelnen helfen können. Wir hoffen aber, dass wir nach einem Gespräch mit einer Korrespondentin von Borderline Europe in der Region und der Verantwortlichen der Stadt Pozzallo einen besseren Einblick in die Situation hier in Italien haben.

Pozzallo

Über der Stadt brennt die Sonne. Auch Anfang September steigt das Thermometer noch ohne Mühe über die 30-Grad-Marke. Das Meer liegt ruhig vor der Küste. Diese Stille wird uns den ganzen Tag begleiten. Für die meisten Menschen um uns herum ist sie wohl erholsam, für uns erscheint sie trügerisch.

Pozzallo, eine der südlichsten Städte Siziliens, gilt seit der Schließung der Flüchtlingslager auf Lampedusa als der Ankunftsort für Menschen, die sich ein neues, vor allem sichereres Leben in Europa versprechen. Die 19.000-Einwohner-Stadt ist umgeben von Stränden, dazwischen befindet sich der Hafen. Kleine Yachten schaukeln auf den Wellen. Ein älterer Mann sitzt auf dem Kai und wirft seine Angeln aus. Ein menschenleerer Parkplatz erstreckt sich, auf ihm steht das moderne Verwaltungsgebäude des Hafens. Sowohl die Hafenmeisterei als auch die Küstenwache und die Carabinieri haben Räumlichkeiten in diesem Haus. Etwa hundert Meter trennt es vom Wasser. Drei Männer in Weiß sortieren ihr Equipment auf Booten, die wie Arbeiterameisen aussehen – lange Antennen stehen von der Brücke ab. Technisch scheint es an nichts zu fehlen. Sie gehören zur Guardia Costiera, der italienischen Küstenwache. Die Männer sprechen ausgelassen miteinander. Auf Nachfrage versichern sie, dass an diesem Tag noch kein Schiff mit Flüchtlingen in Pozzallo angekommen sei. Ein auf seinem Moped herangefahrener Carabinieri bestätigt die Aussage. Die Männer der Küstenwache erklären, dass sie es wüssten, denn immer wenn ein neues Schiff über das Mittelmeer auf Sizilien zukomme, würden sie informiert und müssten ausrücken. Das Gespräch verläuft stockend, ihr Englisch ist sehr gebrochen, doch sie sind bemüht die Situation zu erklären. Viele Faktoren würden eine Rolle dabei spielen, ob Schiffe in See stechen: das Wetter, das Meer und die Situation am Startpunkt. Schlussendlich zeigen sie sich aber erleichtert, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt am Tag nicht zu einem Einsatzort mussten. Der herangefahrene Carabinieri erklärt kurzerhand, dass die „Ankunftshalle“ weiter hinten im Hafengebiet liege. Besuchen könne man diese natürlich nicht. Auskünfte über bevorstehende Ankünfte dürfe man sowieso nicht geben. Die Männer verabschieden sich freundlich und begeben sich zurück in das hellorangene Hafenmeistereigebäude. Auch wenn an diesem Tag noch kein Boot den Hafen erreicht hat, besteht die Gewissheit, dass in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten unzählige zu retten sein werden.

Der Himmel ist klar. In einem abgesperrten Bereich des Hafengeländes liegen Boote, die meisten blau. Mit dem Bug nach oben sind sie aufgestapelt, manche einfach achtlos auf die anderen geschoben. Es sind die Überreste tausender Fluchten. Wie auf einem Friedhof dokumentieren sie einen Ausschnitt der Flüchtlingswelle der letzten Monate, wenn nicht gar nur Wochen. Einige von ihnen haben arabische Schriftzeichen als Kennung an ihren Spitzen. Bei den meisten möchte man sich kaum vorstellen, dass sie wirklich auf offenem Meer mit Menschen besetzt waren, so klein und marode sind sie.

Um die hiesige Ankunftshalle erstreckt sich ein Zaun. Im Schatten der Halle steht ein Wagen des Militärs. Auch ein Transporter des Innenministeriums parkt dort. Zwei Soldaten sitzen auf einer Bank, sie balancieren ihre Schlagstöcke auf den Fingern, vertreiben sich so die Zeit. Beamte der Polizei sind vor Ort. Neben einem kleinen Auto, das am Rande des Hofes hinter der Halle steht, sitzen zwei Männer und zwei Frauen in blauen Westen. Sie gehören zur UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Einige Stunden später fahren sie ohne direkten Einsatz vom Platz. Doch ihr Warten suggeriert, dass sie mit Ankünften rechnen. Permanent.

Das Meer liegt immer noch ganz ruhig vor der Stadt. In der Touristeninformation verweist man uns an den Bürgermeister. Die Mitarbeiterin erzählt, dass sie in puncto Flüchtlingssituation in Pozzallo nicht auf dem aktuellen Stand sei. Außerdem macht sie uns darauf aufmerksam, dass im Stadtbild von den Flüchtlingen kaum etwas zu sehen sei. Auf die Anzahl der Urlauber hätten die Migrationsströme keinen Einfluss. Sie scheint mit der Frage schon öfter konfrontiert gewesen zu sein und hat so die Sprechstunde des Bürgermeisters, täglich von 9 bis 13 Uhr, sofort parat. Von ihm versprechen wir uns detailliertere Informationen. Er hat schon mehrfach vehement auf die Situation der Flüchtlinge in Pozzallo, aber auch Sizilien allgemein hingewiesen, versucht das Problem publik zu machen und hat schon zahlreichen Journalisten ihre Fragen beantwortet. So morgen hoffentlich auch unsere.